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Corona-Tagebücher



Tag 57, 08. Mai 2020
Florian Zach am 09.05.2020 um 10:34 (UTC)
 Die Corona-Tagebücher des F. Z. aus B.
Tag 57, 08. Mai 2020

Ich esse ein Brot mit Nuss-Nougat-Creme. Gehört eigentlich nicht klassischerweise auf meinen Speiseplan, aber einmal oder manchmal auch zweimal im Jahr habe ich Hunger auf ein Graubrot mit Nuss-Nougat-Creme. Das restliche Jahr über, also, wenn ich keinen Hunger darauf habe, mache ich mich für gewöhnlich über Leute verächtlich, deren Frühstück leidlicher Weise ausschließlich aus diesem Produkt besteht. Ob das jetzt doppelmoralisch ist? Nein, eher nicht. Es ist nur Frühstück.

Wenn ich dann also einmal im Jahr diesen bestimmten Hunger bekomme, gehe ich los und hole frisches Graubrot, Butter und ein Glas Nuss-Nougat-Creme, deren Namensendsilbe die Inspirationsvorlage für den Songtitel von France Galls Hit „Ella, elle l’a“ war. Und ja, das muss mit Butter sein. Und zwar mit richtiger Butter. Mildgesäuert. Und nicht irgendwie Margarine oder Margarine mit Butteranteilen drin. Nein, richtige Butter, die man dann goldgelb und daumendick auf eine ebenso daumendicke Scheibe Graubrot aufstreicht. Darauf dann Nuss-Nougat-Creme; verteilt bis zum Rand. Man darf am Ende weder Butter noch etwas vom Brot durchschimmern sehen.

Das Brot wird vor dem Essen weder geklappt noch halbiert. Man legt es in die linke Hand, zwischen Daumen, Zeige- sowie Mittelfinger und führt es auf diese Weise zum Mund. Von einem Brot mit Nuss-Nougat-Creme beißt man ab und zwar so, dass einem der Aufstrich an der Lippe klebt. Mit der anderen Hand greift man stellenweise zur Kaffeetasse und vollendet den Genuss mit einem Schluck des hochbekömmlichen Filterkaffees. Ein Tasse Filterkaffee kommt ohne Schnick-Schnack aus. Kein Schäumchen. Kein Karamellaroma. Kein Pumpkin Spice. Einfach nur ehrlicher Kaffee in ehrlichem Schwarz zu ehrlichen achttausend Kalorien, die man in der anderen Hand hält. Das ist es dann, wie ein Wochenende perfekt beginnt.

(c) Florian Zach, 2020.
 

Tag 56, 07. Mai 2020
Florian Zach am 08.05.2020 um 07:24 (UTC)
 Die Corona-Tagebücher des F. Z. aus B.
Tag 56, 07. Mai 2020

Seit knapp zwei Wochen gibt es nun wieder Cappuccino aus meinem Lieblingscafé, auch wenn dort nichts so ist, wie es sein sollte. Auf dem Boden sind Abstandmarkierungen aufgeklebt und alles ist so eingerichtet, dass man quasi einen Rundgang im Laden macht, um, von der Aufnahme der Bestellung bis zum Entgegennehmen des Getränkes, genügend Abstand zu anderen Kunden einhalten zu können. Fühlt sich ein wenig wie auf einem Laufsteg in Paris an, nur mit dem Unterschied, dass weniger gewagte Kreationen (zum Teil sogar grotesk schnöde Entwürfe in Beige und Mauve) vorgeführt werden und alle einen Kaffeebecher tragen.

Während ich also so an der Bestellannahme warte und das Laufsteg-Spektakel betrachte, erinnere ich mich an eine Modenschau einer jungen Hutmacherin, die sich für ihre Show überlegt hat, nichts auf die Bühne zu bringen, was sie nicht selbst entworfen hat. Und nachdem sie nun einmal Hutmacherin ist und somit nur Hüte und anderen Kopfschmuck entwirft, hat sie die Leute nackt – aber mit Hut auf dem Kopf – über den Laufsteg geschickt. Ich verstehe die Idee schon: Lassen wir halt alles weg, was von meinem eigenen Entwurf ablenken könnte. Dumm nur, dass die geladenen Modekolumnisten dann so abgelenkt waren, dass ihnen die Hüte gar nicht weiter aufgefallen sind. Aber gut, wer schafft es schon, für eine Modenschau weltweite Aufmerksamkeit zu generieren, ohne dabei Mode vorgeführt zu haben.

Der Barista reißt mich aus den Gedanken: „Dein Cappuccino steht schon drüben an der Ausgabe.“ „Ja, ähm, ja. Okay. Danke.“ „Haste geträumt?“ „Ich habe mir nur etwas vorgestellt.“ „Müssen ja schöne Gedanken gewesen sein, so abwesend wie du warst.“ „Nicht unbedingt. Kommt irgendwie drauf an.“ Was ich unerwähnt ließ, war, dass mein Kopf offenbar eine Art Übersprungshandlung begangen hat und die Situation von der Hut-Modenschau auf die Situation im Café übertragen hat und ich mir vorgestellt habe, wie es Gesetz wird, dass man in Berlin Kaffee nur noch – bloß mit einem Hut bekleidet – erwerben darf. Naja, so schlecht finde ich vielleicht schnöde Entwürfe in Beige und Mauve dann doch auch wieder nicht. Gibt schlimmeres.

(c) Florian Zach, 2020.
 

Tag 55, 06. Mai 2020
Florian Zach am 07.05.2020 um 06:55 (UTC)
 Die Corona-Tagebücher des F. Z. aus B.
Tag 55, 06. Mai 2020

Seit fünfundfünfzig Tagen schreibe ich nun Tagebuch über mich in der Corona-Isolation, die sich inzwischen schon gar nicht mehr richtig wie eine Isolation anfühlt, denn die Welt macht langsam auf. Es gibt wieder Toilettenpapier und frische Paletten voller Nudeln. Zu Hefe kann ich keine Aussage machen, denn ich konnte sie nach wie vor nicht finden, selbst, wenn sie im Supermarkt möglicherweise existent war. Aber auch darin mag ich bereits ein weiteres Stück zurückkehrende Normalität erkennen wollen.

Gestern war ich im Kaufhaus. Schon deswegen, weil ich tatsächlich etwas besorgen musste, aber eben auch, weil es mir gefehlt hat, in der Parfümabteilung in einer Duftwolke zu stehen und der Verkäuferin zu sagen: „Nein danke, Sie brauchen mir davon nichts auftragen. Ich habe gerade HIER NAME EINES GUTEN PARFUMS EINSETZEN an.“ Und dann sagt die Verkäuferin: „Oh, das ist ein ganz ausgezeichneter Duft.“ Worauf ich sage: „Danke, den habe ich auch hier gekauft.“ Daraufhin strahlt sie übers ganze Gesicht und schenkt mir eine Tüte voll mit Duftpröbchen. Dann sind wir beide glücklich und zufrieden und gehen unserer Wege. Sie auf die Sieben und ich in die Sechste. Hierbei handelt sich um Fachsprache. „Auf die Sieben“ ist ein unter Verkäuferinnern und Verkäufer gebräuchlicher Ausdruck, um sich bei den Kollegen, für einen Gang zur Toilette, abzumelden. „In die Sechste“ wird hingegen eher von Kundinnen und Kunden gebraucht und meint den Besuch der Weinabteilung des entsprechenden Kaufhauses.

Mir gefallen einige der Rituale, die sich aufgrund der Corona-Vorschriften nun in der Öffentlichkeit entwickeln, sehr. Zunächst einmal mag ich, dass alle sehr höflich sind. Überwiegend zumindest. Ich meine, plötzlich gibt es in den Geschäften wieder Menschen, die einem die Tür aufhalten und einem den Weg zeigen. Wenn man im Laden fragt, wo man denn etwas Bestimmtes finden würde, bekommt man nicht mehr zur Antwort „Tut mir Leid, nicht meine Abteilung“, sondern du wirst zum Regal hingeführt. An den Kassen gibt es Abstandsmarkierungen auf dem Boden, was durchaus verhindert, dass man den Atem des Hintermannes im Nacken spürt, während man noch seine eigenen Produkte aufs Band legt. Mir gefällt das gut. Und meines Erachtens könnten wir vieles davon auch noch lange nach Corona beibehalten. Genauso wie das Wort „Schnutenpulli“, welches für Mund-Nasen-Maske steht. Leute, lasst uns bitte, bitte nie das Wort Schnutenpulli vergessen. Das ist vielleicht das Schönste, was die letzten sechs Wochen überhaupt hervorgebracht haben. Und vor allem hat es mal nichts mit Politik zu tun.

(c) Florian Zach, 2020.
 

Tag 54, 05. Mai 2020
Florian Zach am 06.05.2020 um 06:21 (UTC)
 Die Corona-Tagebücher des F. Z. aus B.
Tag 54, 05. Mai 2020

Es ist sieben Uhr. Ich bin wach und laufe in der Wohnung herum. Zum Frühstück bereite ich Rühreier zu. Dabei ist es wichtig, dass man die verquirlten Eier am Boden der Pfanne leicht anstocken lässt und sie dann vorsichtig, vom Pfannenrand weg und somit zur Pfannenmitte hin, eher schabt als rührt. Ich meine, das heißt zwar Rührei, aber keiner hat gesagt, dass man dabei wie ein Berserker in der Pfanne herummengen muss. Dazu trinke ich heute – ausnahmsweise – einen English Breakfast Tea.

Es folgt meine vormittägliche Routine. Die geht, seit über fünfzig Tagen mit Corona-Isolation, in etwa so: E-Mails beantworten, zu ABBA durch die Wohnung tanzen, Telefonate und Post, Bett machen mit den Pet Shop Boys, duschen und Pflege der eigenen Eitelkeiten mit „Dschingis Khan“ von Dschingis Khan, anziehen, weiter arbeiten, Selfie vom Arbeiten machen, anderen Leuten schreiben, dass man arbeitet und sie fragen, ob sie auch arbeiten. Dann ist es neun Uhr. Offenbar vergeht, seitdem wir Corona haben, nur noch alle elf Minuten eine.

Um neun geht dann die Nachbarin zum Müllcontainer, um ihren Restmüll einzuwerfen. Ich warte schon darauf und positioniere mich am Fenster, damit ich ihr, auf ihrem Rückweg, zuwinken kann. Dann winke ich runter. Und sie kann hochwinken. Soziale Interkation. Wunderbar. Ich öffne das Fenster. Sie ruft „Moin“ hoch. Ich rufe „Hallo“ runter. Soziale Interaktion mit Gespräch. Wow. „Warmer Tag heute“, ruft sie hoch. „Ja, schön sonnig“, rufe ich runter.

„Gestern das erste Mal mit Maske einkaufen gewesen“, ruft sie hoch. „Und, ungewohnt?“, rufe ich runter. „Ne, habe schon mal eine Bank überfallen, da war das ähnlich.“, ruft sie hoch. „Verstehe. Aber zurzeit sehen ja alle aus, als wollten sie eine Bank überfallen.“, rufe ich runter. „Stimmt. Deswegen macht mir das jetzt auch keinen Spaß.“, ruft sie hoch. „Angenehmen Tag noch.“, rufe ich runter. „Na dann, küss die Hand Pandemie.“, ruft sie hoch.

Nun ist es zwei Minuten nach neun Uhr. In etwa vierundzwanzig Minuten kommt wohl der Paketbote. Ich positioniere mich schon mal im Hausflur und frage mich, ob mein Verhalten eigenartig ist.

Besonderes daily Highlight: Um vierzehn Uhr Termin mit dem Schornsteinfeger zur Abgasmessung der Therme. Könnte ein toller Tag werden. Ich kann das schon richtig spüren.

(c) Florian Zach, 2020.
 

Tag 53, 04. Mai 2020
Florian Zach am 05.05.2020 um 07:25 (UTC)
 Die Corona-Tagebücher des F. Z. aus B.
Tag 53, 04. Mai 2020

In der letzten Nacht hatte ich sehr schlecht geträumt. Das blieb mir in dieser Nacht zum Glück erspart. Was aber möglicherweise auch daran lag, dass ich dieses Mal gar nicht richtig geschlafen habe. Und das könnte wiederum die Folge davon sein, dass ich mir spätabends noch eine Wanne Kaffee zubereitet und ausgetrunken habe.

Innerer Dialog
Ich: Du meinst wohl eine Kanne Kaffee?
Auch ich: Nein! Ich meine Wanne.

Während ich dann abwechselnd wach im Bett, auf dem Teppichboden vor dem Bett, auf dem Sofa und auf dem Teppichboden vor dem Sofa lag, überlegte ich so, wie es wohl wäre, wenn ich eine eigene Partei gründen würde. Kurz zuvor habe ich in den Nachrichten gelesen, dass die Corona-Skeptiker es jetzt offensichtlich geschafft haben, eine Parteineugründung auf die Beine zu stellen und dem möchte ich natürlich in nichts nachstehen. Und solange mein Körper versucht mit der Wanne Kaffee umzugehen, ich daher viel Zeit habe, kann ich mir ja auch gleich Gedanken zu einem solchen Projekt machen.

Jede Partei braucht einen Zweck. Etwas, wofür sie sich vorwiegend einsetzen möchte. Da hätte ich auch schon was Passendes im Kopf: Ich will die Menschen vor einer Bedrohung schützen. Das ist edel und ehrenwert. Die Bedrohung muss dabei aber konkret sein. Zum Beispiel die Verdrängung des einheimischen Apfels durch die fremdländische Ananas. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir im Supermarkt nur noch Ananas vorfinden würden? Diese Bedrohung ist real und schafft somit konkrete Bezugspunkte für den potenziellen Wähler.

Wichtig ist auch der Parteiname. Wortspiele mit „Bündnis“ oder „Widerstand“ oder auch „Alternative“ kommen zurzeit sehr gut an, denn sie versprechen eine Veränderung. Und Veränderung ist wichtig, denn nichts anderes möchte ich mit meiner Partei erreichen. Das südamerikanische Patriarchat der Ananas muss unterbunden werden. Ich nenne meine Partei vielleicht „Patriotische Apfelliebhaber gegen die Verpatriarchatisierung des Abendlandes durch die Ananas comusus“ (PAgdVdAddAc).

Und dann wird mir der Mainstream vorwerfen, dass ich damit eine Bedrohung konstruiere, die es so gar nicht gegen würde. Sie werden sagen, dass die Ananas eine Frucht unter vielen ist. Und, dass sie dabei sehr schmackhaft und vielseitig einsetzbar sei. Am Ende werden sie darüber hinaus behaupten, dass der Apfel überhaupt kein Europäer ist, sondern aus Zentralasien stammt. Darauf werde ich sagen, dass der Apfel schon in der Bibel vorkommt und was bitte kann abendländischer sein als die Bibel. Bis mir dann auffällt, dass die beiden Testamente ja gar nicht in Europa spielen.

Schließlich hat mein Körper den Kaffee endlich abgebaut und ich kann einschlafen. Die Idee mit der Partei ist somit wohl vom Tisch, denn am nächsten Morgen erinnere ich mich nur noch daran, wie ich, kurz bevor mir die Augen zufielen, nach Rezepten für Apfel-Ananas-Kuchen gesucht habe. Es wäre uns allen viel geholfen, wenn wir die Dinge öfters mal zusammen, anstatt immer nur auseinander denken würden.

(c) Florian Zach, 2020.
 

Tag 52, 03. Mai 2020
Dr. Lac. Florian Zach am 04.05.2020 um 09:18 (UTC)
 Die Corona-Tagebücher des F. Z. aus B.
Tag 52, 03. Mai 2020

Ich bin mit entsetzlichen Kopfschmerzen aufgewacht. Zuerst dachte ich, dass das eine übliche Sonntags-Reaktion meines Körpers auf den nahenden Montag sein könnte. Aber eigentlich ist das so doch gar nicht möglich. Denn es ist immer noch Corona. Und seitdem wir Corona haben, brauche ich montags nicht mehr früh aufstehen. Das kann es also schon einmal nicht sein. Langsam wünschte ich mir aber, dass dem so wäre. Denn diese Corona-Kopfschmerzen sind viel unangenehmer als meine üblichen Montags-Kopfschmerzen.

Außerdem habe ich in der Nacht zuvor schlecht geträumt. Und zwar habe ich davon geträumt, dass ich an der Uni meine Doktorarbeit zur Bewertung eingereicht habe. Schon nach einer Woche kam ein Brief vom Prüfungsausschuss zurück und ich dachte noch so bei mir, dass das jetzt mit der Bewertung wirklich außerordentlich schnell ging. Im Brief stand aber, dass ich meine Doktorarbeit leider nicht bestanden habe, weil ich anstatt der schriftlichen Arbeit lediglich ein Käsebrot eingereicht hätte. Das wäre doch glatt eine Themaverfehlung gewesen.

Der Traum ging so weiter, dass ich über diese Entscheidung ziemlich empört war und mich in einem bösen Brief an die Uni wandte, indem ich den Prüfungsausschuss frug, ob ihnen denn mein Käsebrot nicht geschmeckt hätte. Mit „Ihr Banausen!“ endete mein Fanal. Am Ende ging dann doch noch alles gut aus: Ich habe nämlich trotzdem einen Job an der Uni bekommen. In der Mensa. Ich mache jetzt Käsebrote. Und ich habe sogar so einen Doktorhut verliehen bekommen. Der ist komplett aus Emmentaler und muss im Kühlschrank gelagert werden. Für meine Käsebrot-Arbeit wurde mir das Prädikat summa cum lactose verliehen.

Dann bin ich leider aufgewacht, hatte Kopfschmerzen und ungezügelten Appetit auf eine Käseplatte. Ich war tatsächlich ziemlich enttäuscht, als ich am nächsten Morgen keinen Emmentaler-Doktorhut in meinem Kühlschrank vorfand. Mir fiel aber noch ein, dass mich der Prüfungsausschuss in seinem Brief dazu aufforderte, endlich mein verschimmeltes Käsebrot aus dem Sekretariat abzuholen.

(c) Florian Zach, 2020
 

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